Carmen Müller: Mein Leben als Fachkraft für Intensivmedizin

Carmen Müller

Im Fernsehen und in vielen anderen Medien hören wir seit Wochen von den katastrophalen Zuständen in den Münchner Kliniken.

Wir haben deshalb mit Carmen Müller aus Harthausen gesprochen, um aus erster Hand zu erfahren, wie sie als Fachkraft in der Intensivmedizin tagtäglich mit der Situation zurechtkommt.

GBA: Zunächst einmal vielen Dank Carmen, dass du dir Zeit nimmst, uns einen kleinen Einblick in die Welt der Intensivmedizin zu geben. Fangen wir gleich an: Was genau machst du in der Intensivmedizin?

Carmen Müller: Ich bin Krankenschwester und liebe meinen Beruf. Seit 27 Jahren bin ich in der Intensivmedizin tätig. Und damit stehen und arbeiten meine Kollegen und ich gerade vor allem an vorderster Front der Covid-Pandemie und ihrer Auswirkungen.

GBA: Was genau sind deine Aufgaben?

Carmen Müller: Ich bin in meinem Beruf dafür zuständig, mich um schwerstkranke, intensivpflichtige Menschen zu kümmern. Das heißt, meine Patienten werden meist beatmet, mit einer Maschine, die das Atmen für Menschen übernimmt (nicht zu verwechseln mit einer Sauerstoff-Maske). Zudem haben meine Patienten oftmals sehr viele Medikamente über Spritzenpumpen im Zulauf und auch eine Dialyse ist oftmals Bestandteil der Therapie.

GBA: Wie ist die Lage in den Kliniken bzw. wie geht es den Pflegekräften, jetzt, wo die Klinik-Ampel auf „Rot“ steht?

Carmen Müller: Ganz einfache Antwort: Beschissen. Diese Frage finde ich immer etwas voyeuristisch. Die sogenannte „Lage“ hat nicht nur etwas mit der Covid-Pandemie zu tun, wir haben auch viele, viele andere Patienten, um die wir uns gerne kümmern wollen. Vielleicht trifft es, gerade jetzt in dem Moment, in dem wir hier darüber sprechen, jemand Geliebten in der Familie, ein Unfall, eine dringende Operation, eine schlimme Krankheit. Ich denke, wir alle haben solche Situationen schon miterlebt und wollen, dass wir oder unsere Lieben fachgerecht, liebevoll und adäquat behandelt werden in diesem Moment – Sicherheit und Zuspruch bekommen.

GBA: Seit Jahren wird schon vom „Pflegenotstand“ gesprochen. Wie siehst du das?

Carmen Müller: Wir laufen seit Jahren auf Volllast. Auch aus diesem Grund fehlen immer mehr Fachkräfte in der Intensivmedizin. Viele meiner Kollegen, wie auch ich, haben ihre Wochenarbeitszeit reduziert. Ich bewundere unsere Vollzeit-Mitarbeiter. Aber sie müssen eben auch ihre Familie ernähren und Miete zahlen.

GBA: Wie siehst du denn die Diskussion um die Impfpflicht?

Carmen Müller: Das ist eine Frage, die gerade uns Fachkräften der Intensivmedizin sehr häufig gestellt wird. Ich möchte hier zum Thema Impfen lediglich meine eigene Haltung wiedergeben. Ich bin geimpft, nicht nur gegen eine Covid-Infektion, auch gegen vieles andere, da ich persönlich überzeugt davon bin.

GBA: Wie steht es um den Zusammenhalt in den Kliniken?

Carmen Müller: Der Zusammenhalt ist noch vorhanden, aber wir sind mittlerweile deutlich erschöpfter und frustrierter. Wir haben unverändert das Gefühl, dass unsere Arbeit nicht wertgeschätzt wird. Natürlich haben wir im vergangenen Frühjahr einen gewissen Zuspruch erlebt, und das hat mich auch sehr gefreut (wenn man mal vom Klatschen absieht). Und es gab auch eine Prämie.

GBA: Vor Kurzem gab es doch wieder Tarifverhandlungen. Hat sich dabei irgendwas für euch verbessert?

Carmen Müller: Bei den letzten Tarifverhandlungen kam man uns kaum entgegen, sogar Streiks wurden in der Bevölkerung so negativ kommentiert, dass es für mich ein Zeichen der Missachtung unserer gleichbleibenden Arbeitsbedingungen war.

Ein Patientenbett mit einem Beatmungsgerät ist noch lange kein Intensivbett, man benötigt auch das Personal dazu. Personal, das die invasiven Geräte bedienen kann. Dafür haben wir Fachkräfte nach unserer 3-jährigen Ausbildung noch 2 Jahre Fachweiterbildung mit Abschluss absolviert. Ich betreue 3, minimal 2 intensivpflichtige Patienten in meinem Dienst.

GBA: Gibt es denn Menschen, die denken: 2-3 Patienten sind doch nicht viel?

Carmen Müller:  Stimmt, das hört man immer wieder. Denen sag ich dann gerne einmal, was zu meinem Aufgabenspektrum dazu gehört.

  • Ich versorge dich in der Grundpflege.
  • Ich helfe dir beim Essen und Trinken (falls bei dir überhaupt möglich).
  • Ich höre dir zu, tröste dich und gebe dir Ratschläge.
  • Ich kontrolliere deine Vitalzeichen und reagiere sofort bei Abnormalitäten.
  • Ich versuche dich am Leben zu erhalten.
  • Ich bediene die Geräte, die dich am Leben halten.
  • Ich kümmere mich um deine Angehörigen, die voller Sorge sind.
  • Ich unterstütze deine Diagnostik und deine Therapie.
  • Ich bin Organisationstalent und Multitasking Profi für dich.
  • Ich unterbreche jederzeit meine Pause für dich wenn es dir schlecht geht.
  • Ich habe immer ein Auge auf dich, da ich möchte, dass es dir gut geht.
  • Ich achte auf einen menschenwürdigen Umgang mit dir.
  • Ich begleite dich auf deinem letzten Weg und lasse dich dabei nicht alleine.

Mal von allem anderen abgesehen, was ich und meine Kollegen noch an Stations-Organisatorischen Aufgaben haben, das wären dann Medikamenten-Bestellungen, Bestellung von Lagermaterial, OP-Plätze herrichten, diese Plätze auch putzen (die Reinigungskräfte dürfen keine Gerätschaften säubern, auch nicht bei demontierten Zustand), OP- und Diagnostik-Fahrten, Dokumentationen, Auffüllen der Lagerräume, usw.

GBA: Bekommst du von deinen Patienten auch Dankbarkeit zu spüren?

Carmen Müller: Ich bekomme meist liebe Worte von meinen Patienten, das freut mich wirklich sehr. Manchmal wird aber auch vergessen, dass ich und meine Kollegen nur Menschen sind, wir sind keine Maschinen.

GBA: In den letzten Monaten war immer wieder zu hören, dass viele Fachkräfte aus der Pflege wegen der Belastungen und schlechter Bezahlung den Job gewechselt haben.

Carmen Müller: Die Gehälter in der Pflege sind für das, was wir an Verantwortung zu tragen haben, sehr dürftig. Das sehe ich nicht nur für die Angestellten der Klinik, sondern auch für alle Kollegen in der Seniorenpflege.

GBA: Glaubst du, dass sich da in naher Zukunft was ändern wird?

Carmen Müller: Vielleicht lernt es die Gesellschaft noch, diesen Job mehr zu respektieren, denn wenn die letzte Pflegekraft das „Handtuch geschmissen“ hat ist es zu spät dafür. Neidisch schaue ich hier nach Schweden, Schweiz und den USA, da hat Pflege den Wert, was es wertvoll macht, diesen Beruf zu erlernen.

GBA: Was möchtest du unseren Lesern noch mitgeben?

Carmen Müller: Denkt einfach mal darüber nach. Und bleibt gesund – geimpft oder ungeimpft.

GBA: Vielen Dank für das Interview.

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