Der Kampf gegen die Windräder: Harthausen sieht Rot(oren)Kommentar 

Während die Welt sich weiterdreht, versucht Harthausen, den Wind in die Schranken – oder zumindest ein paar Kilometer nach Süden – zu weisen.
Der Kampf gegen die Windräder: Harthausen sieht Rot(oren)

Update vom 30. März 2026:
Im ursprünglichen Artikel war die Rede von sechs Kilometern Entfernung. Tatsächlich sind es aber 1,5 Kilometer Entfernung von Harthausens letzter Wohnbebauung.


In einer Zeit, in der Bundeskanzler Friedrich Merz das Land mit ordnungspolitischer Strenge auf Effizienz trimmt, bleibt in der Gemeinde Grasbrunn noch Raum für die ganz großen Gefühle und den heroischen Kampf gegen Riesen. Unser moderner Don Quijote trägt allerdings keine verbeulte Rüstung, sondern sitzt für die CSU im Grasbrunner Gemeinderat: Karl Humplmair jr. hat das Visier heruntergeklappt und den Kampf gegen die „Drei Riesen vom Höhenkirchner Forst“ aufgenommen.

In seinem Antrag vom 09.12.2025 macht Humplmair deutlich, dass es ihm nicht um die Verhinderung der Energiewende geht, sondern schlicht um den „unannehmbaren“ Anblick in 1,6 Kilometer Entfernung. Wie sein spanisches Vorbild sieht er in den Windrädern eine Bedrohung für das heiligste Gut des Harthauser Bürgers: den unverbauten Blick auf die Alpen am Ayinger Weg. Während Don Quijote gegen Windmühlen kämpfte, weil er sie für Riesen hielt, kämpft Humplmair gegen sie, weil er sie für optische Umweltverschmutzung hält.
Sein Lösungsvorschlag ist so simpel wie genial: Schiebt die Dinger doch einfach nach Süden!
Dort sei schließlich „viel Platz“. Dass dort andere Gemeinden wie Oberpframmern oder Egmating liegen, ist zweitrangig – man setzt schließlich auf ein „gutes Nachbarschaftsverhältnis“, was im bayerischen Kommunaljargon meist bedeutet: „Baut euren Kram bitte so, dass ich ihn nicht sehen muss.“

Der Gemeinderat reagierte dann am 24.02.2026 mit einer Beschlussvorlage, die man nur als „beamtete Poesie“ bezeichnen kann. Man nimmt den Antrag zur Kenntnis und beschließt eine „unverbindliche, jedoch eindringliche Bitte“ an die Betreibergesellschaft. Das ist politisch in etwa so wirksam wie der Versuch, eine herannahende Gewitterfront durch höfliches Zunicken zum Abdrehen zu bewegen.
In der Sachdarstellung wird trocken konstatiert, dass fachlich eigentlich alles passt: Mindestabstände zur Wohnbebauung? Geprüft. Wasserschutz? Kein Problem. Lärm und Schatten? Wird noch geprüft, sieht aber gut aus. Die „subjektiv empfundene optische Beeinträchtigung“ sei zwar nachvollziehbar, aber eben kein „belastbares Ablehnungskriterium“. Man könnte auch sagen: Nur weil einem das Design der Zukunft nicht gefällt, bleibt die Zukunft trotzdem stehen.

Und während man sich in Harthausen also mit bemerkenswerter Ausdauer am ästhetischen Widerstand abarbeitet, passiert im Hintergrund etwas, das fast schon leise wirkt, aber strategisch deutlich schwerer wiegt. Die Gemeinde Grasbrunn hat sich nämlich den bergrechtlichen Claim „Höhenkirchner Forst“ gesichert und damit einen entscheidenden, weiteren Schritt in Richtung Geothermie gemacht. Der scheidende Grasbrunner Bürgermeister Klaus Korneder und der Bald-Bürgermeister und Noch-Kämmerer Sebastian Stüwe betonen, dass dieser frühe Zugriff Planungssicherheit schafft und Kooperationen mit anderen Kommunen ermöglicht.
Die Vision dahinter ist klar: eine nachhaltige, klimafreundliche Wärmeversorgung aus eigener Kraft, direkt aus der Tiefe des Bodens unter dem Forst, der gleichzeitig als Bühne für den Windradstreit dient.

Die Erlaubnis für diesen Claim gilt zunächst bis Oktober 2030 und eröffnet einen ganzen Strauß an weiteren Schritten. Geologische Untersuchungen, Standortanalysen und Wirtschaftlichkeitsberechnungen sollen klären, ob und wie die Erdwärme genutzt werden kann. Auch Sicherheitsmaßnahmen wie seismisches Monitoring und ein begleitender Bürgerdialog sind vorgesehen. Es ist der nüchterne, planungsintensive Gegenentwurf zum emotional geführten Windradstreit an der Oberfläche. Während oben über Sichtachsen gestritten wird, wird unten bereits an der Energiezukunft gebohrt – zumindest auf dem Papier.

Grasbrunn ist nicht allein in diesem bayerischen Volkssport. Ob in Ottobrunn, wo man sich plötzlich um das Trinkwasser sorgt, oder bei den unzähligen Klagen des Vereins für Landschaftspflege, Artenschutz & Biodiversität e.V. (VLAB) – der Ausbau der Windkraft im Raum München gleicht einem Slalomlauf durch ein Minenfeld aus Bürgerinitiativen und Ängsten vor Infraschall. Es ist die Fortsetzung einer Tradition: Erst waren es die Satellitenschüsseln, dann die Mobilfunkmasten und Solaranlagen, und heute sind es eben die Rotoren.

Besonders pikant: Während man die Windräder der Nachbarn am liebsten per Postwurfsendung nach Süden verschieben möchte, plant Grasbrunn mit Vaterstetten, Haar und Zorneding munter weiter an der Geothermie. Die braucht zwar Unmengen an Strom, aber der kommt ja praktischerweise aus der Steckdose – und hoffentlich nicht von einem Windrad, das die Aussicht beim Abendspaziergang stört.

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