Wer am letzten Wochenende im August den Reitsberger Hof in Vaterstetten besuchte, traute seinen Augen kaum: Durch den Beitrag einer Familieninfluencerin, die den Hof als „kostenlosen Erlebnisbauernhof, auf dem ihr den ganzen Tag verbringen könnt“, pries, wurde der über 200 Jahre alte Familienbetrieb regelrecht überrannt. Auch das von Anna und Christoph Link geführte Wirtshaus zur Landlust geriet dabei an seine Grenzen.
Der Reitsberger Hof liegt am Ortsrand von Vaterstetten im Landkreis Ebersberg und gilt als Institution im Münchner Osten. Seit über 200 Jahren ist er im Familienbesitz und beherbergt Kühe, Schweine, Schafe, Hühner, Gänse, Pferde und Ponys – dazu eine Reitschule, eine Bäckerei, eine Kelterei und eben jene Wirtschaft. Vor 31 Jahren hatte der Vater von Anna Link das offene Hofkonzept ins Leben gerufen, das seither viele Familien anzieht.
Wie viele zusätzliche Gäste tatsächlich kamen, kann Anna Link nicht genau beziffern – sie war selbst in der Gaststätte im Dauereinsatz. Allein dort seien es aber sicher rund 100 Besucher mehr gewesen als sonst, wobei schon an normalen Sommersonntagen viel los sei. Am Ende des Tages waren Team und Familie erschöpft.
Da dies nicht zum ersten Mal geschah, machte Anna Link auf Instagram deutlich, worin das eigentliche Problem liegt: Der Reitsberger Hof sei „kein Freizeitpark oder klassisches Ausflugsziel, sondern ein landwirtschaftlich genutzter Hof“, ebenso sei die Landlust „ein Wirtshaus mit ganz normalen, begrenzten Kapazitäten“ – Parkplätze, Küche und Theke stießen irgendwann an ihre Grenzen. Mehr Reichweite bedeute deshalb nicht automatisch mehr Freude, sondern oft schlicht „sehr viele Menschen zur gleichen Zeit“.
Ihre Bitte an Content Creator: sich vorab abzusprechen – nicht, um Inhalte zu kontrollieren, sondern um sich organisatorisch vorbereiten zu können, etwa durch zusätzliches Personal oder einen weiteren Verkaufsstand. Die Resonanz auf ihren Beitrag war überwältigend positiv. Auch Creator wie Carina Pitzuch, die auf Instagram Ausflugsziele für Familien vorstellt, zeigten Verständnis: Sie kontaktiere Betreiber grundsätzlich vorab, hole Drehgenehmigungen ein und stelle sich und ihr Vorhaben vor – ein Vorgehen, das leider nicht selbstverständlich sei.
Das Thema griff mittlerweile auch der Bayerische Rundfunk auf: In der Abendschau vom 7. September 2026 kamen sowohl Anna Link als auch eine Content-Creatorin zu Wort. Wie Link anschließend auf Instagram schrieb, gehe es dabei „nicht darum, Social Media oder große Reichweite schlechtzureden“, sondern um „Bewusstsein, gegenseitige Rücksichtnahme und miteinander reden“.
Dass Social-Media-Empfehlungen auch positiv für Tourismusbetriebe wirken können, zeigt die Arbeit der Vereinigung Tourismus Oberbayern München (TOM). Der Verband setzt gezielt auf kleinere bis mittlere Accounts und lenkt den Fokus bewusst auf weniger bekannte Ausflugsziele im Münchner Umland, um bereits stark frequentierte Hotspots nicht zusätzlich zu belasten und die touristische Nachfrage breiter zu verteilen.
Die Influencerin, deren Beitrag den Besucheransturm ausgelöst hatte, hat sich mittlerweile bei Anna Link gemeldet und entschuldigt. Der Reitsberger Hof hofft nun, dass künftig mehr Rücksicht und Austausch zwischen Betreibern und Creatorn zur Normalität werden, damit das offene Hofkonzept auch weiterhin für alle ein schöner Ort bleiben kann.
Quellen: Instagram, Facebook, Bayerischer Rundfunk

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