Ein Abend voller Kontroversen, Bürgerbeteiligung und politischer Debatten: Rund 500 Gäste füllten den Bürgersaal des Bürgerhauses Haar, während weitere 400 Bürger die Diskussion per Livestream verfolgten. Leider wurde die Veranstaltung nur live übertragen und ist nachträglich nicht mehr abrufbar, was besonders schade ist, da unter der Woche nicht alle Interessierten die Zeit hatten, den über zweieinhalbstündigen Stream zu verfolgen.
Bereits nach zwanzig Minuten kam es zu einer kurzen Unterbrechung. Grund war, dass einige Zuschauer die Veranstaltung filmten. Die Organisatoren der VHS und die Moderatoren Günter Hiel vom Münchner Merkur und Bernhard Lohr von der Süddeutschen Zeitung wiesen darauf hin, dass aus datenschutzrechtlichen Gründen Aufnahmen aus dem Publikum nicht erlaubt seien. So konnte die Diskussion im Saal ungestört fortgesetzt werden – ein kleines, aber symbolträchtiges Zeichen dafür, wie Live-Veranstaltungen auch organisatorische Herausforderungen bergen.
Bernhard Lohr von der Süddeutschen Zeitung wies in seiner Einleitung auf die besondere historische Bedeutung der Veranstaltung in Haar hin, wo vor 87 Jahren in der damaligen Heil- und Pflegeanstalt mit die ersten Euthanasie-Verbrechen in Deutschland begangen wurden.
Dies tat Lohr bewusst mit Blick auf den Bürgermeisterkandidaten der AfD, Christoph Rätscher (SZ-Artikel-Link). Zum ersten Mal tritt die AfD bei einer Kommunalwahl in Haar sowohl für den Gemeinderat als auch mit einem eigenen Bürgermeisterkandidaten.
Rätscher fiel im Podiumsgespräch besonders auf: Er wirkte am wenigsten vorbereitet, las häufig von vorbereiteten Texten ab und beantwortete selten die gezielt in Themenblöcken gestellten Fragen. Wiederholt betonte er, dass er Haar zu einer der ersten Gemeinden machen wolle, die das Thema „Remigration“ konsequent umsetzt. Für diese Aussagen erhielt er laute Pfiffe und Buhrufe aus dem Publikum, während andere Kandidaten wie Bukowski (CSU), Schießl (SPD), Leiner (Grüne) und Siemsen (FDP) ihre Vorstellungen ausführlich darlegten und um Sachlichkeit bemüht waren.
Lesenwert dazu ist auch der SZ-Artikel „Wie die Stadt Haar ohne Ausländer aussähe“ von Bernhard Lohr und Iris Hilberth.
Die Redezeit war auf zwei Minuten pro Kandidat begrenzt, daran hielten sich jedoch nur wenige. Die Moderatoren Lohr und Hiel mussten mehrfach eingreifen, um die Kandidaten an die Zeitvorgaben zu erinnern, ein Umstand, der die Dynamik der Debatte zusätzlich prägte.
Ein weiterer Schwerpunkt des Abends war die geplante Bebauung der Finckwiese in Haar. Hier stieß der Bürgerworkshop der Stadt auf Kritik: Nur etwa 90 Besucher nahmen teil, viele fühlten sich eher schlecht informiert. Ziel des Workshops war es, Bürgermeinungen zu vier Themeninseln einzuholen: Städtebau & Architektur, Nutzungskonzept & Gewerbe, Grünraum & Freiraum sowie Erschließung & Verkehr. Stattdessen dominierten Informationsvorträge, was zu Empörung bei Anwohnern wie Katrin Bauer führte: „Unter Bürgerbeteiligung verstehe etwas anderes. Ich hätte mir eine offene Diskussion gewünscht, nicht Informationen im Übermaß.“
Die Kandidaten präsentierten ihre Konzepte für Haar:
- Dr. Andreas Bukowski (CSU) betonte die finanzielle Lage der Stadt und sprach von notwendigen Mietanpassungen in städtischen Wohnungen.
- Peter Schießl (SPD) forderte sozialen Wohnungsbau, kritisierte die Mietsteigerungen und die langsame Umsetzung städtischer Projekte.
- Dr. Ulrich Leiner (Grüne) stellte die „3/30/300“-Formel vor: Drei Bäume aus jedem Fenster, 30 Prozent Grünfläche und maximal 300 Meter Entfernung zur nächsten Grünanlage.
- Dr. Peter Siemsen (FDP) hob Achtsamkeit und pragmatische Lösungen hervor, etwa bei Energieeffizienz und Geothermie.
- Christoph Rätscher (AfD) fokussierte sich auf das Thema „Remigration“ und wiederholte Forderungen nach restriktiver Migrationspolitik, was zu Protesten von Bürgern mit Transparenten und bedruckten Hoodies („FCK Nazi“) führte.
Die Diskussion zeigte die unterschiedlichen politischen und persönlichen Profile der Kandidaten. Während CSU, SPD, Grüne und FDP ihre Konzepte für eine offene, pluralistische Gesellschaft betonten, setzte Rätscher auf provokative, rechtspopulistische Inhalte.
Trotz der Spannungen bot die Veranstaltung einen umfassenden Einblick in die Haarer Kommunalpolitik. Themen wie bezahlbarer Wohnraum, Klimaschutz, Verkehrsplanung, Seniorenversorgung und Finanzlage der Stadt wurden intensiv diskutiert. Besonders deutlich wurde die Herausforderung, zwischen Bürgerbeteiligung, politischen Visionen und sachlicher Information die Balance zu halten.
Die VHS Haar und die Stadt haben mit der Live-Übertragung gezeigt, dass politische Bildung auch digital funktionieren kann. Dennoch bleibt der Wunsch, die Diskussion nachträglich abrufbar zu machen, damit mehr Bürger die Möglichkeit haben, die Argumente der Kandidaten in Ruhe nachzuverfolgen.
Am 8. März 2026 entscheiden die Haarer Bürger über die künftige Stadtführung – ein Wahlabend, dessen Ausgang maßgeblich von den Diskussionen, Informationen und Debatten wie dieser Podiumsdiskussion geprägt wird. Auch für die Gemeinde Grasbrunn wird im Hinblick auf das gemeinsame Geothermieprojekt mit den Gemeinden Vaterstetten, Haar und Zorneding interessant, wer in Haar Bürgermeister bleibt oder wird.

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