Wahlkampf in Haar eskaliert

Kurz vor der Kommunalwahl sorgt ein Parteiaustritt mit AfD-Anschluss in Haar für politische Turbulenzen – und wirft Fragen über Glaubwürdigkeit und Abgrenzung auf.
Wahlkampf in Haar eskaliert

Der Haarer Wahlkampf hat wenige Tage vor dem 8. März 2026  eine neue, brisante Wendung genommen. Mitten in der heißen Phase wechselt der CSU-Stadtratskandidat Chrisostomos Liatsos zur AfD – bleibt jedoch weiter auf der CSU-Liste auf Platz 23 stehen. Wer die Liste pauschal ankreuzt, wählt ihn automatisch mit. Ein Vorgang, der nicht nur juristisch heikel, sondern vor allem politisch explosiv ist.

Bereits Anfang Februar berichtete Grasbrunn Aktuell ausführlich über die Podiumsdiskussion der Haarer Bürgermeisterkandidaten im Bürgerhaus („So war der Dialog der Haarer Bürgermeisterkandidaten“). Damals stand noch der politische Schlagabtausch im Mittelpunkt. Heute zeigt sich: Die eigentliche Sprengkraft lag tiefer.

Besonders im Fokus steht der AfD-Bürgermeisterkandidat Christoph Rätscher. Der 38-jährige Bauingenieur und TikTok-Aktivist, der seit 2023 als Referent der AfD-Landtagsfraktion arbeitet, positionierte sich bei der Podiumsdiskussion – nicht nur durch seine Sitzposition – auf der Bühne, demonstrativ am äußersten Rand. Während CSU, SPD, Grüne und FDP parteiübergreifend ein Bekenntnis zu Weltoffenheit und demokratischem Zusammenhalt abgaben, versuchte Rätscher wiederholt, das Schlagwort „Remigration“ zu platzieren.
Der Auftritt war konfrontativ. Immer wieder betonte er, „Remigration ist notwendig“, stellte Klimaschutz infrage („Klima kann man nicht schützen“) und kündigte an, Klimapolitik „einzuschrumpfen“. Große Teile des Publikums reagierten mit Pfiffen und Buhrufen. Transparente gegen Rechts waren sichtbar, AfD-Anhänger versuchten zu filmen, was von der VHS unterbunden wurde. Schon an diesem Abend wurde deutlich: Rätscher setzt auf maximale Provokation und klare Abgrenzung vom demokratischen Konsens.

Dabei ist sein politischer Hintergrund nicht unproblematisch. Rätscher war in Berlin im Vorstand der Jungen Alternative aktiv, die bundesweit als gesichert rechtsextremistisch eingestuft wurde. In sozialen Medien suchte er öffentlich die Nähe zu Akteuren der Identitären Bewegung. Mit rund 12.000 Followern auf TikTok gehört er zu jener neuen Generation von AfD-Funktionären, die bewusst auf digitale Reichweite und Zuspitzung setzen.

Damit steht die CSU in einer Zwickmühle. Einerseits will sie den Vorfall nicht größer machen als nötig. Andererseits stellt sich die Frage, wie konsequent die so oft zitierte „Brandmauer“ tatsächlich gelebt wird.

Der Fall zeigt exemplarisch, wie sich kommunale Politik verändert. Während bei der Podiumsdiskussion über Haushaltsdefizite, kommunalen Wohnungsbau und Grünflächen gestritten wurde, nutzt die AfD eine andere Strategie: Zuspitzung, Emotionalisierung, Social-Media-Mobilisierung.
Rätschers Auftritt in Haar war kein klassischer kommunalpolitischer Beitrag über Bebauungspläne oder Kita-Plätze. Er war Teil einer größeren politischen Inszenierung, wie sie in der Vergangenheit immer wieder vorkommt. Das wurde auch daran deutlich, dass die anderen Kandidaten trotz scharfer Differenzen am Ende demonstrativ für Zusammenhalt warben. „An dieser Stelle ist kein Blatt zwischen uns“, sagte der Grünen-Kandidat. Bürgermeister Andreas Bukowski erklärte offen: „Was Herr Rätscher vertritt, schadet dem Standort.“

Die Bürgerinnen und Bürger in Haar haben es nun selbst in der Hand. Wer die CSU-Liste wählt, ohne genauer hinzusehen, könnte ungewollt einem AfD-Mitglied Stimmen verschaffen. Gleichzeitig bleibt die Bürgermeisterwahl eine Richtungsentscheidung: Geht es um kommunale Sachpolitik – oder um ideologische Konfrontation?

Der Wahlkampf in Haar zeigt, wie schnell lokale Politik in größere gesellschaftliche Konflikte hineingezogen wird. Die Gemeinde Grasbrunn ist bei der jetzigen Kommunalwahl noch um eine Beteiligung der AfD herumgekommen. In sechs Jahren könnte es anders aussehen.
Die Ereignisse der letzten Tage sind mehr als eine Personalie. Sie sind ein Stresstest für Glaubwürdigkeit, Abgrenzung und demokratische Verantwortung auf kommunaler Ebene.

Am 8. März 2026 entscheiden die Wähler, welches Signal von Haar ausgehen soll.

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