Wahlplakate, Wahnsinn und Kabelbinder-Chaos

Endlich ist der Wahlkampf vorbei und Grasbrunn sowie die umliegenden Gemeinden können wieder aufatmen: Die Straßenlaternen sind größtenteils befreit, Bauzäune entlastet und das tägliche Rätselraten über kryptische Parolen an Hauswänden hat ein Ende gefunden.
Wahlplakate, Wahnsinn und Kabelbinder-Chaos

Doch die Erinnerungen bleiben haften, besonders wenn man an die meist wenig kreativen, manchmal bizarren und gelegentlich schlicht verzweifelten Wahlplakate der letzten Wochen denkt. Es war wie ein absurdes Theaterstück aus Farbe, Schrift und Versprechen, das an manchen Laternenmasten geradezu die Schwerkraft herausforderte, während man bei manchen Kandidaten darüber nachdenken musste, ob sie selbst verstanden, wofür oder wen sie da werben.

Die landesweiten Plakate waren ein Sammelsurium an Grafikdesastern, übermotivierten Photoshop-Katastrophen, KI-generierten Bildern und Sprüchen, die eher verwirrten als überzeugten. Während die SPD München mit „Reiter – München – Passt“ und „München bleibt stabil“ auf eher nüchterne Botschaften setzte, sorgte Oberbürgermeister Dieter Reiter höchstpersönlich kurz vor der Wahl noch für mediale Aufregung, als seine Verwaltungsrats-Tätigkeit beim FC Bayern und ein Fredl-Fesl-Zitat in den sozialen Netzwerken für Schlagzeilen sorgten. Kein Wunder, dass die Stichwahl unvermeidlich war.

Clemens Baumgärtner von der CSU erschien auf seinen Plakaten wie ein Bond-Bösewicht im Minion-Kostüm, während Dominik Krause von den Grünen vollmundige Versprechen über 50.000 neue Wohnungen abgab, die vermutlich noch im Bauplan von „Irgendwann vielleicht“ zu finden sind.

In den ländlicheren Regionen entdeckten Kandidaten ihre Liebe zur Tracht. Plötzlich standen Menschen, die sonst nie Lederhosen oder Dirndl tragen, auf Plakaten, um Authentizität zu suggerieren. Das erinnerte stark an Touristen am Münchner Hauptbahnhof vor dem Oktoberfest. Ein kleiner Vorschlag: Eine Kampagne in Schlafanzügen oder gar Nackedei-Mode hätte womöglich ehrlicher gewirkt und zumindest für Schlagzeilen gesorgt.

Humor, der in früheren Jahren bei Wahlplakaten fehlte, zeigte sich diesmal immerhin bei Volt mit dem Slogan „Keine Zeit für Faxen – Zeit für echte Digitalisierung“. Wer allerdings unter 40 ist, fragt sich unweigerlich: Fax?

Die Satire des Wahlkampfs erreichte ihren Höhepunkt wie immer bei „Die Partei“ mit Sprüchen wie „Philipp Drabinski – Bürgermeister mit Bau-Turbo“. Das Plakat zeigt Drabinski mit einem Joint und ist wohl als Anspielung auf den Neubiberger Bürgermeisterkandidaten der CSU, Thomas Pardeller zu verstehen, der im Dezember 2025 vor einem Münchner Club wegen Kokain-Besitzes verhaftet wurde. Oder „Marie Burmeleit: Mieten an Bierpreis koppeln“. Die Partei lieferte sie einen ironischen Spiegel für die Absurdität der Wahlversprechen. Ihre Plakate hatten zwar keine Chance auf klassische Wählerstimmen, aber sie sammelten Punkte bei denjenigen, die Politik ohnehin als Farce betrachten.

Auch in den umliegenden Gemeinden wie Haar, Vaterstetten oder Putzbrunn ging es turbulent zu. SPD-Plakate wie „Haar für alle!“ sorgten für irritiertes Kopfschütteln bei Glatzenträgern, während CSU und FW mit traditionellen Motiven auftraten, die bei manchen Bürgern eher Volksmusik-Stimmung als politisches Engagement erzeugten. Besonders die großformatigen Plakate der Freien Wähler Bürgermeister-Kandidatin Sonja Kiran in Vaterstetten führten zu einer kuriosen Intervention: Die Gemeinde entfernte einfach Hunderte DIN-A0-Plakate und entsorgte sie auf dem Wertstoffhof, da sie die maximal erlaubte Größe überschritten. Kiran, reagierte humorvoll, schnitt die Plakate kurzerhand in der Mitte durch und schuf so zwei untereinander hängende Poster, die offiziell trotzdem zu groß waren und konterte danach mit neuen Plakaten auf den „Immer das richtige Format für Vaterstetten“ zu lesen war.

Dem amtierenden Vaterstettener CSU-Bürgermeister Leonhard Spitzauer konnte man leider so gut wie nicht entkommen. Ob Vaterstetten, Baldham, Weißenfeld und Parsdorf – überall war „Leo“ zu sehen und warb mit Sprüchen wie „Leo stärkt das Ehrenamt.“ Und „Leo macht’s familienfreundlich“, was auch immer diese Botschaft bedeuten soll…
Im Wochentakt veröffentlichte Spitzauer Plakate, auf denen sein Konterfei mit anderen CSU-Gästen für Veranstaltungen wie „Auf Allgäuer Kässspätzle (mit Röstzwiebeln)“, „Auf eine Bratwurst“ und andere Fleischwaren und Getränke hinwies, um mit ihm ins Gespräch zu kommen.
Bedauerlicherweise wirkte diese Kampagne eher wie Werbung für eine Volksmusik-Sendung mit Marianne und Michael und ging den meisten Bürgern spätestens nach dem 5. Plakat auf den Keks.

Maria Wirnitzer, die ewige SPD-Bürgermeister-Kandidatin und amtierende 2. Bürgermeisterin der Gemeinde Vaterstetten (mit der hoffnungsvollen Webseite: https://maria-schaffts.de/) radelte, lief, trank Tee und frühstückte mit Frauen aus der Gemeinde Vaterstetten, um diesmal endlich die Männerdomäne Bürgermeister auszuhebeln. Um Spitzauer entgegenzutreten wäre allerdings ein Wahlplakat-Spruch wie „Maria schmeckt’s nicht“ (nach dem Buch von Jan Weiler) sicherlich besser gewesen, um auf die jahrelangen Differenzen zwischen CSU und SPD hinzuweisen.
Es bleibt abzuwarten, wer von beiden in der Stichwahl ums Bürgermeisteramt nun das Rennen macht.

In Grasbrunn selbst zeigte sich, dass Humor und clevere Kampagnen Früchte tragen können. Die Freie Wähler Gemeinschaft setzte auf eine originelle „Stü-We? – Stü-We“-Plakatkampagne für ihren Kandidaten Sebastian Stüwe, die sich im Gedächtnis der Bürger einbrannte.
Die SPD reagierte verspätet mit kleinen Aufklebern „Wir kennen unseren Kandidaten“, die wohl nur für eingeweihte Sinn ergaben. Der spätere Wahlausgang sprach für sich: Stüwe gewann mit überwältigenden 73 Prozent der Stimmen.
Die Grünen warben hingegen mit „Hier fürs Wir“ für ihre Veranstaltungen „Triff uns auf ein Bio-Bier“. Ein Slogan wie „Hier fürs Bier“ wahrscheinlich Publikums-förderlicher gewesen. Denn mit Freibier gewinnt man gerade auf dem Land immer neue Freunde.

Nicht minder absurd verlief der Wahlkampf in Putzbrunn, wo die Bürgermeisterwahl auch ohne eindeutigen Sieger endete. Michael Schultz von der Unabhängigen Bürgervereinigung (UBV) hatte so viele kleine weiße Zettel mit den üblichen Sprüchen wie „Bürgerfreundliche Verwaltung“, „Solide Finanzpolitik“, „Förderung von alternativen Energien“ und „Verkehrsberuhigung“ auf seinem Plakak., dass man sich fragen musste, was läuft eigentlich in Putzbrunn noch alles schiefläuft. Komplett überzeugen konnte er wohl doch nicht. Er erhielt 46,8 Prozent der Stimmen, Tobias Stokloßa (CSU), der sich auf seinem Plakat als Dipl. Verwaltungswirt, Kämmerer in Poing, Feuerwehrmann und Spezitrinker  und außerdem„Glücklich mit Isabella“ zeigte, konnte auch nicht überzeugen. Mal sehen, ob er in sechs Jahren wieder antritt und mit wem er dann glücklich ist.
Er erhielt 39,9 Prozent der Stimmen der Putzbrunner Wähler. Die beiden werden ebenfalls in zwei Wochen in einer Stichwahl ausmachen, wer Nachfolger von Edwin Klostermeier (SPD) wird, der das Amt 20 Jahre innehatte.

Insgesamt zeigte die Kommunalwahl in Grasbrunn und Umgebung ein wiederkehrendes Muster: große Plakate, kleine Botschaften, teils groteske Fotos, ein Schuss Überforderung bei der Gestaltung und gelegentlich geniale, humorvolle Spitzen von „Die Partei“ oder lokalen Initiativen. Die Wahlplakate waren zugleich Spiegel und Theater, Symbol für politische Ambitionen und lokale Absurditäten. Sie erinnerten daran, dass Wahlen nicht nur demokratische Pflicht, sondern auch ein Fest der kreativen Selbstdarstellung sein können – manchmal mehr Comedy als Politik.

Am Ende bleibt die Frage: Wer hat gewonnen? Die Bürger, die nun wieder freie Sicht auf Laternenmasten und Bauzäune genießen, oder die Kandidaten, die mit Kabelbindern, Trachten und Photoshop-Katastrophen ihre Spuren hinterlassen haben?
Vielleicht beides. Denn in Grasbrunn, Vaterstetten, Haar und Putzbrunn hat Politik nie so sehr nach Lachen und Staunen geschrien wie in diesem Jahr. Und die Wähler werden sich noch lange an die Wahlplakat-Eskapaden erinnern, während die echten Probleme der Gemeinden wie gewohnt unbeachtet weiterlaufen.

Die Kommunalwahl 2026 zeigt einmal mehr: Politik kann ernst sein, aber Plakate sind immer ein Stück Satire, selbst wenn die Parteien es nicht merken. Vielleicht wird beim nächsten Mal der Humor noch ein bisschen mutiger, die Botschaften klarer, oder man hängt einfach alle Kandidaten in Schlafanzügen mit der jeweiligen Parteifarbe auf.

Teilen mit:

Schreibe einen Kommentar

Mit dem Absenden eines Kommentars stimmen Sie unserer Datenschutzerklärung und der Speicherung der von Ihnen angegebenen, personenbezogenen Daten zu.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

 

Es werden alle Kommentare moderiert. Lesen Sie bitte auch unsere Kommentarregeln:

Für eine offene Diskussion behalten wir uns vor, jeden Kommentar zu löschen, der nicht direkt auf das Thema abzielt oder nur den Zweck hat, Leser oder Autoren herabzuwürdigen. Wir möchten, dass respektvoll miteinander kommuniziert wird, so als ob die Diskussion mit real anwesenden Personen geführt wird. Dies machen wir für den Großteil unserer Leser, der sachlich und konstruktiv über ein Thema sprechen möchte - gerne auch mit Humor.