Leibstraße Haar: Streit kurz vor Baustart

Wenige Tage vor Beginn der Großbaustelle in der Haarer Leibstraße eskaliert die Diskussion über die geplanten Vollsperrungen – Geschäftsleute und Anwohner schlagen Alarm, während die Stadt am Zeitplan festhält.
Leibstraße Haar: Streit kurz vor Baustart

Nach Jahrzehnten der Diskussionen, Planungen und politischen Debatten beginnt am 22. Juni 2026 die umfassende Neugestaltung der Haarer Leibstraße. Das rund 9,5 Millionen Euro teure Projekt soll die zentrale Einkaufsstraße langfristig attraktiver machen, neue Aufenthaltsbereiche schaffen, die Aufenthaltsqualität steigern und die Innenstadt fit für die Herausforderungen von Hitzeperioden und Starkregen machen. Doch kurz vor dem offiziellen Baustart sorgt das Vorhaben für erhebliche Unruhe.

Wie bereits mehrfach berichtet wurde, gilt die Leibstraße als das Herzstück des Haarer Ortszentrums. Breitere Gehwege, neue Sitzgelegenheiten, zusätzliche Begrünung, moderne Regenwasserbewirtschaftung sowie eine grundlegende Erneuerung der Infrastruktur sollen die Straße in den kommenden Jahren nachhaltig aufwerten. Finanziell profitiert die Stadt dabei von erheblichen Fördermitteln des Freistaats Bayern.

Während die langfristigen Ziele weitgehend unstrittig sind, entzündet sich die aktuelle Diskussion an der konkreten Umsetzung. In einem Offenen Brief an Haars Bürgermeister Dr. Andreas Bukowski, die Stadtverwaltung und den Stadtrat kritisieren zahlreiche Eigentümer, Gewerbetreibende, Beschäftigte und Anwohner, insbesondere die geplanten Vollsperrungen während der einzelnen Bauabschnitte. Nach ihrer Darstellung sei das tatsächliche Ausmaß der Einschränkungen erst bei einer Informationsveranstaltung am 10. Juni 2026 deutlich geworden – lediglich zwölf Tage vor dem angekündigten Baustart.

Die Unterzeichner befürchten erhebliche wirtschaftliche Folgen für die ansässigen Betriebe. In dem Schreiben wird darauf hingewiesen, dass zahlreiche Geschäfte auf regelmäßige Lieferungen, Kühlfahrzeuge, Paketdienste oder direkte Zufahrten angewiesen seien. Ein lediglich fußläufiger Zugang könne einen funktionierenden Geschäftsbetrieb nicht ersetzen. Besonders kleinere Einzelhändler und Dienstleister sehen ihre wirtschaftliche Existenz gefährdet.

Zudem wird die Frage aufgeworfen, ob die monatelangen Vollsperrungen technisch tatsächlich alternativlos sind. Die Verfasser des Briefes fordern eine unabhängige Überprüfung, ob die Arbeiten nicht auch abschnittsweise oder halbseitig durchgeführt werden könnten. Gleichzeitig wird auf die hohen Gesamtkosten des Projekts verwiesen und mehr Transparenz bei Förderquote, Eigenanteil und den langfristigen Folgekosten gefordert.

Die Stadt Haar weist die Kritik zurück und hält am vorgesehenen Zeitplan fest. Nach Angaben der Verwaltung seien sämtliche Ausschreibungen abgeschlossen, die Aufträge vergeben und die Baustelleneinrichtung bereits angelaufen. Bürgermeister Bukowski betont, dass Geschäfte, Praxen und Dienstleister während der gesamten Bauzeit erreichbar bleiben sollen. Für Lieferungen, Pflegedienste und andere besondere Anforderungen seien individuelle Lösungen vorgesehen. Auch Feuerwehr- und Rettungszufahrten seien jederzeit gewährleistet.
Unterstützung erhält die Stadt dabei unter anderem aus Teilen des Stadtrats. Die SPD-Fraktion steht weiterhin hinter der Neugestaltung, fordert jedoch zusätzliche Maßnahmen zur Abmilderung der Belastungen. So wurde bereits ein Parkraumkonzept für die Bauzeit beantragt. Auch einzelne Gewerbetreibende äußern Verständnis für die Notwendigkeit der Sanierung, rechnen jedoch gleichzeitig mit wirtschaftlich schwierigen Monaten.

Für zusätzliche Aufmerksamkeit sorgte in den vergangenen Tagen eine öffentliche Richtigstellung einer Haarer Bürgerin. Sie stellte klar, dass sie weder Initiatorin noch Unterzeichnerin des Offenen Briefes sei. Sie habe das Schreiben lediglich auf Bitte der Verfasser an Bürgermeister, Verwaltung, Stadtrat und Medien weitergeleitet. Die Bezeichnung als „Offener Brief Frau XXX“ (wir haben den Namen auf Bitte der Bürgerin entfernt) sei sachlich falsch und reduziere ein gemeinschaftliches Anliegen zahlreicher Betroffener auf eine einzelne Person. Nach ihren Angaben sei die Zahl der Unterstützer inzwischen sogar weiter gestiegen. Sie fordert daher eine entsprechende Korrektur und eine neutrale Zuordnung des Schreibens zu den tatsächlichen Verfassern.

Tatsächlich zeigt die aktuelle Debatte vor allem eines: Während über die grundsätzliche Aufwertung der Leibstraße weitgehend Einigkeit besteht, gehen die Meinungen über den Weg dorthin deutlich auseinander. Die Stadt verweist auf technische und wirtschaftliche Zwänge, die Betroffenen auf die praktischen Auswirkungen für ihren Alltag und ihre Betriebe.
Fest steht: Die kommenden Monate werden für Haars wichtigste Einkaufsstraße eine Bewährungsprobe. Ob die geplante Neugestaltung am Ende tatsächlich zu der erhofften Belebung führt oder ob einzelne Geschäfte die lange Bauzeit nicht überstehen, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen. Schon jetzt ist jedoch klar, dass die Diskussion über die Leibstraße mit dem Beginn der Bauarbeiten keineswegs beendet ist – sie beginnt gerade erst.

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