In der Kulisse des Gronsdorfer Komödienbrettls („Mann über Bord“, noch am 21.–23.11. im Bürgerhaus zu sehen) entfaltete der Münchner Kabarettist einen Abend, der weit mehr war als ein klassisches Kabarettprogramm. Springer doziert nicht, er ringt – um Haltung, um Anstand, um Vernunft. Und er tut das mit einem Tempo und einer Tiefe, die man heute kaum noch findet.
Schon nach den ersten Minuten wird klar: Springer liefert keine Schenkelklopfer, er liefert Wahrheiten, die wehtun dürfen. Und müssen.
Sein aktuelles Programm „Leider! – Kabarettnotwendigkeit“ ist eigentlich ein Vorschlag zum Optimismus – wenn auch einer, der sich durch Krisen, Absurditäten und politische Unwuchten kämpft. Und Springer zeigt, dass unsere Gegenwart längst zur Realsatire geworden ist:
Autos fahren auf dem Mars, aber in Deutschland fehlen Busfahrer. Früher war angeblich alles besser – und gleichzeitig genauso absurd.
Markus Söder, dem sein Team bei der bloßen Erwähnung der Grünen lieber gleich einen Defibrillator beistellt. Der immer wieder verschobene Prozess um den Dieselskandal und VW-Chef Winterkorn, der wegen Knieproblemen die zwei Stufen zum Gerichtssaal nicht erreichen kann und den neuen VW-Chef und „Feelgoodleader“ Oliver Blume, der locker und flockig in weißen Turnschuhen auftritt.
Und Frauen, die einst nicht an Marathons teilnehmen durften, weil „die Gebärmutter herausfallen könnte“.
Springer jongliert diese Geschichten mit rasantem Rhythmus, aber nie zynisch – eher als jemand, der seine Gesellschaft liebt und gerade deshalb kritisiert. Seine deutliche Haltung zur AfD verschweigt er nicht: „Die Zukunft liegt nicht in der Remigration, sondern in Alice Weidel hinter Gittern.“ Und wenn er über Markus Söders „Mimosenhaftigkeit“-Kommentar zum bedrohten Dingolfinger Bürgermeister Grassinger spricht, wird das Bürgerhaus still.
Man spürt in Neukeferloh: Springer spricht keine Nummern herunter, er arbeitet.
Er wirft seine Biografie in die Waagschale – den Einstieg über den Kinderchor der Bayerischen Staatsoper, die Jahre als „Fonsi“, die Münchner Lach- und Schießgesellschaft, seine Vorbilder Dieter Hildebrandt und Werner Schneyder, die Starkbierreden – aber auch Begegnungen aus Damaskus, Kindheitserinnerungen, politisches Erleben, die großen und kleinen Absurditäten.
Es ist ein Abend voller Wucht, in dem Springer zeigt, was Kabarett sein kann: Realsatire, moralisches Rückgrat und ein menschlicher Kompass.
Der Humor fehlt trotzdem nicht: Springer erzählt über brennende VW-Käfer-Rücksitzbänke, die Reisekostenabrechnung des deutschen Astronauten Reinhard Furrer im Space-Shuttle, Penaten-Creme im Feinkostregal, Söders Fake-News zu angeblichen Luftballonverboten der Grünen, entgleiste Bürokratie – „Wer klaut uns die Zeit? Nicht die Politiker. Sondern die Bürokratie, der Papierscheisskram!“ und die Relativitätstheorie anhand einer Fliege im ICE.
Man lacht – und merkt in vielen Momenten, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt.
Springer ruft dazu auf, Demokratie zu schützen, ehrenamtliche Helfer zu würdigen, nicht den Lauten, sondern den Anständigen zuzuhören. Politik für Menschen – nicht gegen sie. Und er prangert an, was ihm wirklich Sorgen macht:
– die Verrohung des politischen Diskurses,
– Angriffe auf Politikerinnen und Politiker,
– zunehmende Gewaltbereitschaft,
– Hass als Dauerzustand.
Dass er dieses Thema so eindringlich behandelt, verwundert nicht. Sein Buch „Der Bayerische Mob“ (Buchbestellung beim cs.wort Verlag München zum Preis von 19 Euro) hat exakt diese Entwicklung dokumentiert – lange bevor sie bei vielen auf dem Radar erschien. Es ist ein düsteres Werk, ein Weckruf, der gerade durch seine Nüchternheit kracht.
Christian Springer ist einer der wenigen, die Humor und Humanität im gleichen Atemzug leben.
Seit 2012 engagiert er sich mit seinem Verein Orienthelfer e.V.in Syrien, im Libanon und Jordanien – mit Bildungsprojekten, Hilfslieferungen, Rettungsunterstützung. Seine Wohnung in Beirut wurde 2020 zerstört, aber Springer macht weiter: „Wenn einer hinfällt, hilfst du ihm auf.“
Dazu kommt seine Initiative SCHULTERSCHLUSS, die Demokratiebildung, Erinnerungskultur und Workshops gegen Hass organisiert. Ein Gegenmittel gegen die Lethargie unserer Zeit: „Vielfalt gegen Einfalt.“
Und als wäre das nicht genug, veröffentlicht er parallel immer wieder Bücher wie „Sisi in Gaza“ (ab 17.11.2025 bestellbar beim cs.wort Verlag München zum Preis von 24 Euro), ein Mosaik aus Geschichten und Hintergründen zur Region – scharf, informativ, unbequem, aber nie belehrend.
Ein Satz von Springer an diesem Abend bleibt besonders hängen: „Wenn du Anstand haben willst, musst du Anstand vorleben.“
Christian Springer hat im Bürgerhaus Neukeferloh keinen gemütlichen Kabarettabend geliefert – er hat einen Abend gestaltet, der nachwirkt. Mit Mut, Humor und einer klaren Haltung. Was gutes Kabarett sein kann und wie wichtig es in der heutigen Zeit ist. Mit Geschichten, die bewegen, und Wahrheiten, die brennen. Mit der Botschaft, dass Demokratie nicht von selbst stark bleibt – sondern von Menschen wie ihm, die nicht wegschauen.
Ein Auftritt, der Neukeferloh bereichert hat. Und einer, der zeigt: Wir brauchen wieder mehr Menschen in unserer Gesellschaft wie Christian Springer.
Weitere Informationen zu Auftritten, Projekten und Büchern finden Sie auf der Webseite von Christian Springer.

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