“Paradise City” in Haar

DIBAG Plan Finck-Wiese

Die Gemeinde Haar hat vor einiger Zeit eine Normenkontrollklage gegen die Gemeinde Grasbrunn wegen des geplanten Baus einer Großdruckerei auf dem neuen Gewerbegebiet in Keferloh eingereicht. Begründet wird dies durch die mögliche Zerstörung des Naherholungsgebiets und ein erhöhtes Verkehrsaufkommen, das über die Putzbrunner Straße in Haar zum Keferloher Gewerbegebiet führt. [1]

Neues Gewerbegebiet auf der Fink-Wiese

Jetzt will die DIBAG Industriebau AG [2] in der Gemeinde Haar auf sogenannten “Finck-Wiese” östlich zwischen Grasbrunner Straße (B 471) und der Wasserburger Straße (B 304) ein 19 Hektar großes Gewerbe und Wohngebiet realisieren. 2016 war das gleiche Areal bereits in engerer Auswahl für ein Forschungszentrum von BMW, das dann aber in Unterschleißheim realisiert wurde. [3]

Dibag Finck Wiese
Visualisierung der Dibag Industriebau AG

Der Haarer Gemeinderat hat sich deshalb am Dienstag, den 06. Juli 2021 in einer Sondersitzung mit den Plänen der DIBAG (einem Unternehmen der Alfons Doblinger Unternehmensgruppe, die ebenfalls zum Unternehmen gehörende Bayerische Gewerbebau AG hat ihren Sitz im Grasbrunner Gemeindeteil Keferloh) [4] auseinandergesetzt.

Vor Beginn der Sitzung tönte aus den Lautsprecherboxen der Song “Paradise City” der Band Guns N’ Roses. Im Text singt Sänger Axl Rose:

“Take me down to the paradise city, where the grass is green and the girls are pretty – Oh, won’t you please take me home”

Eine interessante Wahl für Baupläne eines neuen Ortsteils, der die Gemeinde Haar um einiges vergrößern und verändern wird. Ob die Veranstalter den Song aber bewusst gewählt hatten, sei dahingestellt.

Haarer Bürgermeister wirbt für Pläne der DIBAG

Andreas Bukowski, der 1. Bürgermeister der Gemeinde Haar warb im Vorfeld und auch während der Sitzung wiederholt für die Pläne dieses “Öko-Gewerbegebiets”, da sich andere mögliche Gewerbegebiete in der Gemeinde in absehbarer Zeit wahrscheinlich nicht realisieren lassen.

Die dann 1 ½ stündige Präsentation strotzte nur so von neuen Bau-Modebegriffen wie z.B. “Animal Aided Design” (Integration von Tieren und Insekten), “Cradle to Cradle Konzeption” und hübsch designten Bildern und Grafiken. Planer Michael Wimmer (03 Architekten GmbH) und sein Team, sowie Sebastian Kuhlen (Prokurist der DIBAG AG) gaben sich sichtlich Mühe,  die Haarer Gemeinderäte mit ihrem “1. Aufschlag für ein Gebiet für alle” für das “Filetstück Finck-Wiese”, von den vorgestellten Plänen zu überzeugen. Immer wieder erwähnten die Präsentatoren, dass man dieses Projekt auch nicht ohne Bürgerbeteiligung realisieren möchte.

In der anschließenden Diskussion wurde aber deutlich, dass eine schnelle Entscheidung über die Bebauung der insgesamt drei Bauabschnitte, die von der DIBAG von 2023 bis 2027 beziffert wurden, in absehbarer Zeit wohl nicht zu erwarten ist.

Gemeinderat zeigt sich von Plänen wenig beeindruckt

Dr. Peter Paul Ganzer (SPD) sieht in den Plänen ein “weiteres 08/15-Projekt” der DIBAG. Sein Parteikollege Peter Schissl sprach von “Desinformation” und gab zu bedenken, dass es sich bei dem Grundstück um eine “wichtige Luft- und Windschneise” für die Gemeinde Haar handle.

Gerlinde Stiessberger (CSU) wollte wissen, ob sich die Planer auch Gedanken für eine Überführung an der Wasserburgerstraße gemacht haben, Dr. Dietrich Kaymer (ebenfalls CSU) wollte vor einer Information an die Bürger noch im Bauausschuss über die Pläne diskutieren.

Dr. Mike Seckinger (Bündnis 90/Die Grünen) lobte zwar den “Bunten Blumenstrauß an Informationen” der DIBAG, war aber von dem vorgestellten Konzept ebenfalls nicht überzeugt, da ihm die innovativen Ideen des Projekts fehlten.

Dr. Peter Siemsen (FDP) sah in der Präsentation “Viele Fragen, aber wenig Antworten” und forderte ein Konzept zur Information der Bürger.

Die vor kurzen diskutierte Trambahn-Verlängerung (von der St. Veit-Straße bis Haar und eventuell bis zum Technopark Neukeferloh) wurde ebenfalls angesprochen, aber nicht in die Ausführungen mit einbezogen, da die Machbarkeitsstudie noch läuft. [5]

Einig waren sich alle Gemeinderäte in der Tatsache, dass man sich bei diesem “Filetstück” im Vorfeld ernsthafte Gedanken machen sollte, wie Haar mit der Bebauung des Grundstücks verfahren soll und wie Bürger und Anwohner in die Planung mit einbezogen werden können.

Das Gremium verständigte sich deshalb auf einen Workshop, eine weitere Diskussion in einer der nächsten Bauausschusssitzungen und gegen eine verfrühte Information der Bürger, solange entscheidende Fragen nicht geklärt wurden.

In der kurzen Pause nach der Präsentation zogen einige Haarer Gemeinderäte Parallelen zu der von Alfons Doblinger im Jahr 2009 geplanten “Europäischen Stadt” in Keferloh, die damals aber von den Grasbrunner abgelehnt wurde. [6]

Die Zukunft des Landkreises aktiv gemeinsam weiter entwickeln

Bei den vorgestellten Plänen sollte sich nicht nur die die Gemeinde Haar, sondern auch die Nachbargemeinden Gedanken machen und fragen, wohin sich der Landkreis in Zukunft entwickeln wird. Bei ähnlichen Bauprojekten dieser Art wurde auch immer publikumswirksam von “Bürgerbeteiligung” gesprochen. In den meisten Fällen ist Bauunternehmen diese Beteiligung ein Dorn im Auge, da sie ihre Pläne dann nicht unbedingt nach ihrer Vorstellung umsetzen können. Oder sie Ignorieren die Vorschläge und begründen dies im Nachhinein mit Paragrafen.

Wenn in Zukunft mehr Projekte dieser Art und Größe realisiert werden – und davon ist bei dem momentanen Bauboom auszugehen – werden grüne Flächen wahrscheinlich bald nur noch auf Dächern von mehrstöckigen Gebäuden zu finden sein.

Übrigens bezieht sich der Song “Paradise City” eigentlich auf die Stadt Los Angeles, die ja nicht unbedingt für Betonarme, klimafreundliche Gebäude steht.

Die von der DIBAG verteilten Presseunterlagen stehen bei Interesse hier als PDF-Download zur Verfügung.

Beitragsbild: Montage aus Apple Maps und einem Bild aus der Präsentation der DIBAG
Quellen:
[1] SZ-Artikel vom 24.03.2021, “Nachbarn vor Gericht
[2] Webseite der DIBAG Industriebau AG
[3] SZ-Artikel vom 01.07.2021, “Besser als BMW
[4] SZ-Artikel vom 27.09.2018, “Die Bayerische Gewerbebau AG von Alfons Doblinger errichtet nach dem Wegzug aus München in Keferloh ihre eigene Firmenzentrale.”
[5] Merkur-Artikel vom11.05.2021, “Verlängerung der Tram-Verlängerung: Anbindung an S-Bahn Haar wird geprüft
[6] Merkur Artikel vom 26.04.2009, “Absage an Golfplatz-Erweiterung und “Europäische Stadt

2 Antworten auf ““Paradise City” in Haar

  1. Ein sehr gelungener Artikel. Schon bei dem neuen Gewerbegebiet in Keferloh haben die Grasbrunner Grünen wegen der fehlenden Interkommunaleplanung Einwände gegen ein so großes Projekt zwischen Haar und Grasbrunn eingereicht. Stattdessen bekommen wir Gewerbegebiete im Naherholungsgebiet Keferloh. Fast zynisch wirkt der Werbefilm von der Allianz, der die “wunderbare grüne Umgebung in Keferloh” lobt – die sie gerade versiegeln.

    1. Hallo Frau Nelson,
      was wäre dann aus Sicht der Grünen der richtige Standort für ein Gewerbegebiet in unserer Gemeinde?

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